Sveta und der Junge aus dem Wald



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     Schon am nächsten Morgen war ihre Mutter ausgezogen. Ihre Koffer hatten gepackt im Flur gestanden, als sie an Svetas Tür geklopft und sie gebeten hatte, ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammenzusuchen und mit ihr zu kommen. Kaum hatte das Mädchen begonnen, ihren Schrank auszuräumen, war ihr Vater wieder aufgetaucht und erneut auf die Mutter losgegangen. Dieses Mal wollte Sveta dazwischengehen, doch Jan hatte sie davon abgehalten. Selbstverständlich, ihr großer Bruder stand immer auf der Seite ihres Vaters, selbst dann, wenn dieser wieder einmal durchdrehte und gewalttätig wurde.
     Als ihre Mutter weinend aus dem Haus gelaufen war, hatte sie Sveta zugerufen, dass sie schon bald mit ihren Brüdern zurückkommen und sie mit sich nehmen würde. Sergej hatte diese Worte natürlich mitbekommen und sofort den Entschluss gefasst, alle Zelte in Berlin abzubrechen und nach Dunkeltann zu reisen. Sveta hatte versucht, sich zu wehren, doch gegen ihn und Jan war sie chancenlos gewesen. Die beiden hatten wahllos einige ihrer Sachen in einen Sack gestopft und ihn zusammen mit Sveta selbst auf die Rückbank des Gleiters ihrer Familie verfrachtet, dann war es losgegangen. Hier saß sie nun seitdem, sprach kein einziges Wort und starrte mal aus dem Fenster, mal ins Leere.
     Eine knappe Stunde war vergangen, seitdem sie Rudatgrad passiert hatten und von der großen Trasse abgebogen waren. Der Hohe Wall, der das einstige Weimar umgab, war schnell aus ihrem Blickfeld verschwunden. Seitdem sah man nur noch den Wald, und je weiter sie vorankamen, desto dichter schien er zu werden. Als Sveta schon glaubte, dass sie den falschen Weg genommen hatten und hier keinesfalls noch ein Ort folgen würde, lichteten sich die Baumreihen und gaben die Sicht auf heruntergekommene Hütten und ärmliche Verschläge frei. Das musste es sein, ihr neues Zuhause, die Sackgasse ihrer Existenz.
     Ihr Vater und ihr Bruder hatten bis hierhin angeregt geplaudert, nun verstummten auch sie. Während Sergej den Wagen durch die engen Gassen steuerte, verfinsterte sich die Laune der beiden Männer zusehends. Berlin hatte in den beinahe einhundert Jahren des Unendlichen Krieges schwer gelitten, da sich die Zarenfamilie nicht um die Zustände in der Deutschen Oblast scherte, doch es gab wenigstens noch einige Ecken, die man als ansehnlich bezeichnen konnte. Dunkeltann hingegen war anders. In dem kleinen Ort, der allein von der Holzproduktion lebte und der vermutlich gar nicht mehr existieren würde, wäre er nicht inmitten von so viel Wald gelegen, zeugte scheinbar jeder Meter vom Verfall. Selbst die besten Hütten, die Sveta sah, waren nicht viel mehr als traurige Bretterbuden, Fenster waren eingeschlagen oder vernagelt, keine Menschenseele befand sich in den Gassen. Nur ab und zu konnte man einen Schatten entdecken, der sich in den Baracken bewegte. Missmutig massierte sich Sveta die Stirn, ihr neues Leben drohte noch schlimmer zu werden, als sie es ohnehin schon befürchtet hatte.
     An einem Platz, an dem fünf Gassen zusammenliefen, hielt Sergej den Gleiter an. Er und Jan stiegen aus und stellten sich mit verschränkten Armen vor eines der wenigen Häuser, die aus Stein errichtet waren und über eine obere Etage verfügten. Sveta erkannte, dass Jan ihrem Vater eine Frage stellte und ein Nicken zur Antwort erhielt. Das musste es also sein, das Haus des Ortsvorstehers, ihre neue Bleibe. Betreten schaute sie das Gebäude an und verharrte, bis sie bemerkte, dass die beiden Männer sie auffordernd anstarrten. Sveta schluckte, dann packte sie den Sack mit ihren Kleidern und öffnete die Wagentür. Nieselregen setzte ein, als das Mädchen erstmals einen Fuß auf Dunkeltanner Boden setzte.