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Sveta und der Junge aus dem Wald



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Prolog


Der Anblick spielte ihr ein fröhliches Lied in Moll, denn obwohl sie die Natur liebte, konnte sie an diesem Tag keinen Gefallen an der Schönheit des Waldes finden. In der Stimmung, in der sie sich befand, glich ein Baum dem anderen, jeder Pfad sah genauso aus wie der zuvor. Svetlana war die Sicht leid, die sich ihr nun schon seit Stunden bot, wenn sie durch die Fenster des trägen Gleiters nach außen schaute. In dem kleinen Wagen fühlte sie sich wie eine Gefangene, die sich auf ihrem letzten Transport befand, ehe sie für lange Zeit hinter Schloss und Riegel verschwinden würde. Und wahrlich, ihr drohte eine wenig verheißungsvolle Zukunft.
     Man konnte nicht behaupten, dass die sechzehn Jahre ihres jungen Daseins bisher besonders freudvoll verlaufen waren. Im Gegenteil, nur zu oft war sie sich wie ein Spatz im goldenen Käfig vorgekommen. Dennoch schien ihr alles erstrebenswerter als die kommenden Jahre in dem kleinen Dorf mitten im Wald, fernab der Zivilisation und abseits von den ohnehin schon spärlichen Resten gesellschaftlichen Lebens. Dunkeltann – bereits der Name klang trist. Sveta, wie alle sie nannten, hatte bis vor wenigen Stunden noch nichts von der Existenz des Dorfs gewusst, nun sollte es ihre neue Heimat werden. Ihr neues Zuhause, in dem sie ohne die schützende Hand ihrer Mutter und deren Brüdern auskommen musste.
     Mit dem Jahreswechsel hatte sich alles geändert, von einem Tag auf den anderen war alles auf den Kopf gestellt worden. Beim Großen Moment der Vergabe war dem Hause Chasow vollkommen überraschend die Transporthoheit über die Deutsche Oblast zugesprochen worden, ausgerechnet jetzt, als ihr Vater bei den Anführern des Clans in Ungnade gefallen war. Sechzehn Jahre lang hatte er alle Dienste, die er für sie erledigen musste, zur vollen Zufriedenheit ausgeführt, war sich nie für etwas zu schade gewesen und hatte selbst zum bösesten Spiel immer eine gute Miene gemacht. Sechzehn Jahre, in denen er vom einfachen Söldner im Machtgefüge der reichen Herren immer weiter aufgestiegen war, so dass es ausgemachte Sache war, dass er zum Vorsteher einer größeren Stadt befördert werden würde, sobald den Chasows erst einmal die Macht verliehen wurde. Und gerade jetzt, da es so weit war, hatte er einen Hausdiener derart schikaniert, dass er sich die Arbeit all der Jahre wieder zunichte gemacht hatte. Mit jedem Stich, mit dem die klaffende Wunde des armen Tropfes genäht werden musste, war der Ort geschrumpft, den man ihm noch überantworten konnte. Als der Arzt die Fäden verknotet hatte, hatte der alte Chasow ihren Vater zu sich gebeten und ihm verkündet, was seine neue Aufgabe sein würde: Er wurde zum Vorsteher von Dunkeltann ernannt, einem so kleinen Ort mitten im thüringischen Teil der Deutschen Oblast, dass man in ganz Berlin noch nichts von ihm gehört hatte.
     Am gleichen Abend hatten sich Svetas Eltern lautstark gestritten. Mit Tränen in den Augen hatte das Mädchen an der Tür gekauert und gelauscht, während ein Wort das andere gab. Schon seit Jahren war das Verhältnis zwischen ihren Eltern immer schlimmer geworden, nun schien sich alles zu entladen, was sich aufgestaut hatte. Als ihr betrunkener Vater schließlich endgültig in Rage geraten war und auf ihre Mutter eingeschlagen hatte, war Sveta schreiend weggelaufen und hatte sich in ihrem Zimmer eingesperrt. Mit dem cholerischen Sergej Maximow war selbst an guten Tagen nicht zu spaßen, an einem Abend wie diesem war ihm gar nicht mehr beizukommen. Ein Einschreiten hätte aller Voraussicht nach nur zu noch mehr Gewalt geführt. Gewalt, der weder ihre Mutter noch sie selbst etwas hätte entgegensetzen können.