Das Haus Komarow



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Nachdem er die Ruine verlassen hatte, äugte Demjan Buschkat in Richtung der untergehenden Sonne. Er schob sich das Tuch ein wenig aus dem Gesicht, da die Gefahr nun verschwand, Opfer ihrer Strahlen zu werden. Buschkat atmete durch, wickelte sich seinen leeren Sack etwas fester um den linken Unterarm und beschloss, nur noch einen Straßenzug abzusuchen, ehe er sich auf den Heimweg machen würde. Nachts wollte er lieber nicht allein in der Stadt unterwegs sein, denn es war nicht abzusehen, was ihm dann alles zustoßen könnte.
     Demjan lebte gemeinsam mit seiner geliebten Alewtina im Süden der Stadt, unweit des Hohen Walles, mit dem sich die Clans vor Übergriffen aus dem Umland zu schützen versuchten. Die beiden hatten dort vor Monaten eine verfallene Hütte bezogen, deren vorige Bewohner von einem Tag auf den anderen verschwunden waren, wie ihnen die Männer aus den angrenzenden Hütten zu berichten wussten. Demjan und Alewtina lebten allein, da sie nicht die notwendige Abgabe aufbringen konnten, die für die Erlaubnis veranschlagt wurde, Nachwuchs zeugen zu dürfen. Dieses Schicksal teilten sie mit nahezu allen Menschen ihres Standes. Diejenigen, die das Wagnis ohne eine Erlaubnis der Herrschaftlichen eingingen, mussten ihre Kinder verstecken. Wurden die Kleinen dennoch von den Wächtern der Clans aufgespürt, mussten die Eltern meist mit ansehen, wie ihre Kinder verschleppt oder direkt getötet wurden.
     Einst war die Abgabe erhoben worden, um dem Problem der Überbevölkerung zu begegnen. Nahrungsmittel und andere Ressourcen waren nicht mehr ausreichend vorhanden gewesen, um jedermann zu versorgen. Gleichzeitig hatte das Wegbrechen der Ressourcen unzähligen Arbeitsgebieten den Todesstoß versetzt, wodurch mehr als die Hälfte der Bewohner der deutschen Oblast keine Anstellung mehr fand. Offiziell war die Überbevölkerung nach wie vor der einzige Grund für die hohe Geburtenabgabe, aber jedermann wusste, dass die Herrschaftlichen mit ihr die Stabilität in Russisch-Europa erhielten. Mehr Menschen in Armut bedeuteten mehr Zorn im Volke, daher war es der Obrigkeit mehr recht als billig, wenn man die untersten Schichten einfach aussterben ließ.

Gerade wollte Demjan seine Suche für diesen Tag endgültig abbrechen, als er einen unangenehmen Geruch wahrnahm, der durch die Luft strömte. Der Sammler folgte seiner Nase, und Augenblicke später betrat er ein von seinen Bewohnern verlassenes, dennoch recht gut erhaltenes Haus. Der Geruch war hier stechend, und als Demjan durch einen länglichen Korridor geschritten war und eine Nische betreten hatte, fand er den Leichnam eines vollbärtigen Mannes. Um den armen Tropf kreisten Fliegen, und an seinem Hals klaffte eine hässliche Wunde.
     »Der wurde niedergeschossen«, stellte Buschkat grimmig fest. Die Art der Verletzung schränkte die Zahl der in Frage kommenden Täter stark ein, denn nur wenige konnten sich eine Schusswaffe leisten. Es war nicht unwahrscheinlich, dass die Männer der Komarows selbst dahintersteckten.
     Demjan untersuchte den Leichnam, denn gemessen an der Position, in welcher der Mann zum Liegen gekommen war, hatten sich der oder die Täter keine großen Mühen gemacht, das Opfer unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich wurde der Sammler fündig, denn in den inneren Taschen des Umhanges des Mannes stieß er auf einige Münzen. Buschkat suchte weiter, drehte den Leichnam um und spürte etwas Metallenes, als er den steifen Rücken abklopfte. Er riss den Umhang kurzerhand auf, und staunend fand er eine silberne Uhr mit einer Kette in seinen Händen wieder.
     Buschkat wollte die Uhr genauer betrachten, doch im gleichen Moment drangen Geräusche von außen zu ihm herein. Erschrocken stopfte er die Uhr in die rechte Tasche seines Umhangs, dann schob er die Leiche in ihre ursprüngliche Position zurück und kroch in Richtung Fenster, um besser lauschen zu können, was sich draußen tat. Zu seinem Schrecken waren es Schritte und Stimmen, die er vernahm.
     »Dieses Haus war es, da bin ich mir sicher«, hörte er eine grobe Männerstimme sagen.
     »Wie kannst du es so genau wissen? Hier gleicht ein Haus dem anderen«, antwortete ein nicht minder raues Organ.
     »Ich weiß es eben. Kasakow und ich haben ihn von dort hinten aus verfolgt. Hier ist er um die Ecke gebogen und hat versucht, sich darin zu verstecken. Außerdem ist der widerliche Gestank doch Hinweis genug.«
     Innerlich fluchte Buschkat. Ausgerechnet jetzt, da er nach einer solch langen Durststrecke endlich wieder etwas gefunden hatte, saß er in der Falle. Die Stimmen mussten zu Schergen der Komarows gehören, und wenn er ihre Worte richtig gedeutet hatte, hatten sie genau dieses Haus und womöglich den gerade eben von ihm geplünderten Leichnam zum Ziel.
     Buschkat sah sich um. Aus dem Fenster würde er nicht entkommen können, ohne dabei entdeckt zu werden, also musste er sich ein Versteck innerhalb des Hauses suchen. Er überschlug den Weg von seinem Platz bis zur Treppe, die nach oben führte. Ihm war klar, dass er noch tiefer in einer Sackgasse stecken würde, falls man ihn dort entdecken würde, aber wenigstens blieb die Möglichkeit, dass sich die Wachsoldaten unter dem Dach gar nicht erst umsehen würden. Kurz entschlossen rollte er sich unter dem Fenster weg, erhob sich und schlich zur Treppe. Er kam keinen Moment zu spät an, denn kaum hatte er den Dachboden erreicht, betraten die Männer das Haus. Buschkat presste sich auf die Dielen und versuchte, sich möglichst leise zu verhalten.
     Dank der Geräusche, die aus dem Erdgeschoss zu ihm drangen, nahm Buschkat wahr, dass die beiden Männer schnurstracks zu dem Toten gegangen waren. Eine Weile blieben sie stumm, nur vereinzelt waren leise Töne zu vernehmen, die verrieten, dass die Gardisten den Leichnam untersuchten.