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Das Haus Komarow



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Prolog

Berlin, Deutsche Oblast, Russisch-Europa

Irgendwann im Jahre 2208


Seufzend warf Demjan Buschkat eine kleine Plastikdose zurück auf den Haufen wilden Unrats, der sich am Straßenrand gebildet hatte. Seit den Morgenstunden versuchte er nun schon etwas Essbares zu finden, oder wenigstens etwas, das sich auf dem Schwarzmarkt dagegen eintauschen ließ. Der Tag war wie so oft äußerst erfolglos für den Mann im dunklen Umhang verlaufen, und da die rote Abendsonne schon tief am Himmel brannte, musste sich Buschkat langsam eingestehen, dass er wieder einmal mit leeren Händen nach Hause zurückkehren würde. Der Sammler kniete sich hin, wühlte ein wenig weiter und förderte ein zerschlissenes Tuch zutage. Buschkat betrachtete es von beiden Seiten, schüttelte dann mit dem Kopf und ließ es wieder fallen.
     Das Leben war hart für Männer wie ihn. Der Unendliche Krieg hatte nicht viel übrig gelassen von der Welt, und die spärlich verbliebenen Ressourcen lagen seit der Eroberung des einstigen deutschen Gebietes ganz in der Hand der Zarenfamilie. Sowohl die Produktion als auch die Warenflüsse wurden von ihren Handlangern zentral geregelt. Für den Güterverkehr waren die wenigen Clans zuständig, die schon ein Jahrhundert zuvor alle Macht in ihren Händen gehalten hatten und die sie seitdem mit allen Mitteln zu schützen wussten. Einmal pro Jahr wurde entschieden, welche Familie für die ertragreichen Überlandtransporte zuständig war, während sich die anderen Clans auf kleinere Geschäfte in den großen Städten beschränken mussten.
     Wer die Versorgungsgewalt auf den großen Trassen innehatte, der kontrollierte auch die gesamte Oblast, da es Russisch-Europas Zarenfamilie den Clans zugestand, ihre Bodengleiter mit allen Mitteln vor Übergriffen zu bewahren. Die zum Schutze angeheuerten Söldner übten damit die eigentliche Polizeigewalt im Inneren aus. Die herrschaftlichen Truppen wurden stattdessen an der Front benötigt.
     Seit dem Großen Moment der Vergabe im Januar war für Menschen vom Stande Demjan Buschkats alles noch viel schlimmer geworden, als dem Hause Komarow das Recht zugesprochen worden war, die wichtigen Versorgungslinien in diesem Jahr zu kontrollieren. Da die Truppen des Clans seitdem ihre eigene Interpretation von Sicherheit und Ordnung umsetzten, herrschten Angst und Chaos über Berlin und über das gesamte deutsche Gebiet.

Demjan Buschkat erspähte durch die offene Tür der Ruine eines alten Gemischtwarenladens ein Rudel Ratten, das durch den einstigen Verkaufsraum wuselte. Wenn sich Ratten in einer solchen Vielzahl für einen Ort interessierten, dann könnte er auch für ihn von Interesse sein, dachte Buschkat, und so warf er einen Blick durch die Tür. Offenbar hatte die Ruine einigen Personen als Nachtlager gedient, denn mitten im Raum befanden sich die Überbleibsel einer Feuerstelle und leere Dosen. Buschkat scheuchte die Ratten weg und untersuchte die Reste, doch die Nager hatten für ihn nichts übrig gelassen. Der Mann erhob sich, atmete schwer ein und ging mit gesenktem Kopf zum Ausgang.
     In den vergangenen Jahren war es stets das Haus Lasarew gewesen, dem die Versorgungshoheit zugefallen war. Auch damals ging es den Menschen alles andere als gut, denn die Lasarews verlangten hohe Preise und hielten das Angebot bewusst knapp. Ihre Schergen rekrutierten sie offensichtlich in der Unterwelt, denn ihr Hunger nach Gewalt kannte nur wenige Grenzen, und nicht selten ließen sie ihn mit bloßer Willkür an den Bürgern aus. Erhebliche Hoffnung hatte deshalb geherrscht, als Gerüchte aufgekommen waren, dass die Komarows den Herrschern in diesem Jahr ein besseres Angebot unterbreiten und beim Großen Moment der Vergabe endlich wieder den Zuschlag für die Oblast bekommen könnten.
     Der alte Jewgraf Komarow war nie ein Engel gewesen, aber er war auch kein Narr. Er verstand sich auf das Geschäft und sah im Ausbluten der Bevölkerung nicht den einzigen Weg, die Nachfrage nach seinen Waren aufrechtzuerhalten. Kurz bevor das Haus Komarow als Sieger aus den Feilschereien zum Jahreswechsel hervorgegangen war, starb der alte Clanführer jedoch, und sein ältester Sohn Taras wurde zum neuen Bravoc des Hauses bestimmt. Mit Jewgraf Komarow ging nicht nur ein angesehener Mann, es verschwand auch der Funken Hoffnung, der bei den Berlinern und den anderen Bürgern des Verwaltungsbezirkes geweckt worden war.